Chimbote

Es ist jetzt mehr als eine Woche her, dass ich zusammen mit meiner Mama und meinem Bruder 6 Stunden mit dem Bus nach Chimbote gefahren bin. Chimbote – eine Stadt an der Küste Perus, nördlich von Lima. Hier wohnt meine Familie. In den meisten Reiseführern steht über die Stadt gar nichts, in anderen steht, sie sei nicht sehenswert. Mein Dumount-Reiseführer erwähnt nur nüchtern: „Wie ein böser Fluch liegt der Gestank der Fischmehlfabriken über der rund 325 000 Einwohner zählenden Stadt Chimbote“ (Die Leute hier sagen übrigens es sind 527 000 Einwohner). Aber Melanie (meine Vorgängerin) hat mich ermutigt; sie schrieb mir schon als ich noch in Deutschland war, dass die Stadt gar nicht „so uncool ist“.

Ich bin zu kurz hier und habe noch zu wenig von der Stadt gesehen, um mir ein Urteil über sie zu erlauben. Aber schrecklich finde ich sie auf jeden Fall nicht. Der Fischgeruch hält sich auch total in Grenzen, vor allem in Nuevo Chimbote, Canalones, dem Viertel, in dem meine Familie lebt. Es ist alles kleiner, ruhiger und langsamer als in Lima. Am Anfang habe ich das verrückte Durcheinander Limas schon fast vermisst, aber jetzt genieße ich es doch sehr, nicht 2 Stunden zum anderen Ende der Stadt zu brauchen.

In dem Haus meiner Familie ist ständig Bewegung. Wie Melanie mir erzählt hat: es ist ein Hotel, ein Restaurant und ein Krankenhaus gleichzeitig. Meine Eltern (Foto #2 und #3) vermieten die Zimmer im zweiten Stock (Foto #4), meine Mama kocht für all die Gäste und noch ein paar unserer Nachbarn und gilt als "Nachbarschafts-Krankenschwester". Auf dem 8ten Foto ist der Herd zu sehen und ganz links ein Sack. Das ist Reis. 50 Kilo. Reicht für 18 Tage sagt, meine Mama.

Momentan verstehe ich ungefähr 60% von dem, was direkt zu mir gesagt wird (immer sehr langsam und einfach), 20% von Gesprächen anderer und komischerweise so ziemlich nichts, was im Fernseher gesagt wird. Selber sagen kann ich leider nur ungefähr 1% von dem, was ich eigentlich sagen möchte. Zu mir wird gefühlt am öftesten „que el calor“ gesagt, ich sage wahrscheinlich „gracias“ am häufigsten. Es ist bis jetzt kein Tag vergangen, an dem ich keinen Reis gegessen habe. Gestern war der erste Tag, an dem ich kein Hühnchen gegessen habe. Mir wird immer freudestrahlend erzählt, wie viel ich hier zunehmen werde, und der gelassene Umgang mit Körperbild tut sehr gut.

Was hab ich in den letzten Tagen so gemacht? Es war alles sehr ruhig, sehr tranquillo. Ich hab das Local Chapter von AFS hier kennengelernt und 2 Mädchen die hier einen Schüler bzw. Uniaustausch machen. Ich bin viel Zuhause, verschlinge meine Bücher und verbringe Zeit mit meiner Familie. Oft treffe ich mich mit den anderen von AFS, letzten Freitag waren wir tanzen. Es hat sehr Spaß gemacht, aber man merkt seine deutsche Steifheit dann im Gegensatz zu den Peruanern dann doch sehr schnell.

Im letzten halben Jahr habe ich selten durchgeschnauft, hatte immer noch zig Sachen auf meiner Liste, die ich nicht gemacht habe, Behörden, die ich anrufen sollte, Bewerbungen, die ich schreiben musste. Dazu das erste Mal eine oft sehr emotionale 40-Stunden Arbeitswoche, die sich meistens auf 50 Stunden ausdehnte. Auch davor, während der Schulzeit, gab es immer noch 10 Dinge die ich eigentlich machen sollte. Deshalb genieße ich es sehr, mich treiben zu lassen, in den Tag hineinzuleben. Das mit dem Pläne machen hab ich mir hier schon ziemlich abgeschminkt, weil sich alles sowieso 10 mal ändert. Der grobe Plan ist jetzt (nach vielem hin und her), dass ich doch erst am 28.03. anfange zu arbeiten, damit ich wenigstens schon ein paar Grundlagen in Spanisch habe. Doch der Spanischunterricht, den ich jetzt eigentlich haben sollte, lässt noch auf sich warten.

Die viele Zeit führt leider auch dazu, dass ich virtuell noch sehr eng mit Zuhause verbunden bin. Über Facebook, Whatsapp und Skype hab ich ständig Kontakt nach Deutschland. Dazu kommt, dass ich die Nachrichten von der Mazedonischen Grenze, die Probleme meiner Freunde aus dem Flüchtlingscamp und all den anderen Mist virtuell live miterlebe.

In Hinsicht auf meine ehemalige Arbeit im Flüchtlingscamp haben mir die ersten Tage in Peru sehr gut getan. Ich hatte wirklichen Abstand, vor allem im Kopf. Doch langsam merke ich, wie sich alles zurück schleicht, in meinen Kopf, in meiner Träume, und damit kommt auch wieder die Trauer, Wut und Verzweiflung. Momentan darüber, dass da abertausende Menschen einfach an der Grenze im Dreck leben müssen, nicht durchgelassen werden, und langsam, ganz leise aber doch spürbar, schleicht sich das Schuldgefühl wieder ein. Darüber dass ich mich einfach so auf dem Staub machen konnte, während diese Leute nirgendwo hinkönnen. Heute hat mich die Ausweglosigkeit des Ganzen nochmal ziemlich gepackt.

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/videos/moma-reporter-idomeni-fluechtlingskrise-an-der-griechischen-grenze-102.html

http://www.amnesty.de/urgent-action/ua-048-2016/eu-muss-fluechtlingen-helfen?linkId=22009455