AFS Camp - 10.9.2011

Letztes Wochenende war COC (Cultural Orientation Camp) mit AFS in Petchaburi. Die ganze tollen Momente und wunderschönen Ereignisse und vor allem Gespräche dieses Wochenendes werden zwar mittlerweile leider von einer nicht ganz so tollen Schulwoche und vor allem von meinem vorgestrigen Migräne-Anfall überschattet, aber ich versuche jetzt trotzdem, sie so wahrheitsgemäß wie möglich nachzuerzählen.
Am Donnerstag wurde ich um 4 Uhr morgens (!) von dem Ehemann einer Freundin meiner Mutter nach Bangkok gebracht. Dort musste ich dann erstmal warten, bis um 7 Uhr das AFS-Büro überhaupt geöffnet hat, aber ich war so aufgeregt und habe mich so auf die kommenden Tage gefreut, dass es mir zur Abwechslung überhaupt nichts ausgemacht hat. Nach und nach sind dann die anderen AFSer eingetroffen. Es war so toll, all diese vertrauten Gesichter wieder zu sehen und sich endlich mal wieder so richtig unterhalten zu können (ob auf Deutsch oder auf Englisch). Vor allem habe ich mich so sehr gefreut, Alisa wieder zu treffen.
Wir sind gleich zusammen in den Bus gestiegen und haben die ganze 4-stündige Fahrt bis an den Cha-am Beach in Petchaburi ohne Punkt und Komma ganz hinten im Bus geredet. Das war sowieso unsere Hauptbeschäftigung; Reden. Alle zusammen im Konferenzraum, in Gruppen abends am Strand oder eben nur Alisa und ich bis spät in die Nacht in unserem Zimmer. Das Hotel war sehr nobel und vor allem das ausgiebige Frühstück mit Kaffee und Spiegeleiern hat enorm gut getan. In dem AFS-Programm ging es vor allem darum, uns über die Aktivitäten und Camps der nächsten Monate zu informieren und zusammen mit uns über unseren bisherigen Aufenthalt zu reflektieren. Zum Einen konnten wir somit unseren ganzen Frust ablassen und uns endlich mal so richtig über die Thais beschweren :D, aber zum Anderen habe ich auch angefangen, mal einige Zeit zurück zu denken, und mir sind ein paar Momente der letzten Monaten und sogar Jahre in den Sinn gekommen, die mir klar gemacht haben, wie weit ich hier schon gekommen bin.
Ich weiß noch, als der große Tsunami in Thailand war. Da haben wir in Potsdam gewohnt und ich habe auf Papas Schoß gesessen und die Bilder in der Zeitung gesehen, und da waren all diese asiatischen Menschen und ich hatte wirklich keine Ahnung, wo denn das Land "Thailand" liegen soll. Und dann Sandra, eine Freundin von Mama, die so gerne Urlaub in Thailand gemacht hat und uns immer Postkarten geschickt hat. Ich weiß noch genau das Motiv: Der Floating Market in Bangkok - schlanke Holzbote, über und über mit Obst und Gemüse beladen, die friedlich über das fast orangene Wasser gleiten. Ich habe die Karten immer bestaunt und mir dieses exotische Land ausgemalt. Ja und jetzt, jetzt sitze ich hier in Thailand und diese "fremden, asiatischen Menschen" sind meine Familie, meine Freunde und meine Bekannten. Es ist verrückt, wie das Leben spielt.

Die letzte Woche war nach dem traumhaften Wochenende dann ein harter Rückschlag und vor allem eine Rückkehr in die Realität. Ich hatte im Camp jede Nacht nur ca. 2 Stunden geschlafen, um die Zeit auch wirklich bis aufs Letzte auszunutzen. Daraufhin war ich am Sonntag Abend dann jedoch natürlich auch ziemlich geplättet und am Montag Morgen musste ich beschließen, mir den Tag frei zu nehmen und im Bett zu bleiben. Allerdings ging es mir auch Dienstag und Mittwoch daraufhin nicht besonders toll. Ich hatte Kopfschmerzen und Schwindel und war ständig müde, egal wie lange ich geschlafen hatte. Deshalb habe ich meine Advisorin gebeten, kurz mit mir ins Krankenhaus zu fahren, nur um schnell abzuklären, dass nichts Schlimmes in Richtung Kreislauf oder Blutdruck ist.
Am Donnerstag sind wir mittags dann auch tatsächlich ins Krankenhaus gefahren. Im Wartezimmer hat sie dann jedoch beschlossen, sie müsse jetzt erstmal ausgiebig telefonieren gehen. Ich saß dann also in dem thailändischen Krankenhaus mit den thailändischen Krankenschwestern und den thailändischen Patienten, die mich so ganz nach thailändischer Art aufgrund meiner blonden Haare, vor allem in Kombination mit meiner thailändischen Schuluniform, angestarrt haben, und habe mich so alleine gefühlt wie noch nie, als ich aufgerufen wurde und ich denen erklären musste, dass ich leider noch warten muss. Nach satten 20 Minuten kam meine Advisorin dann wieder angedackelt und hat ganz unschuldig gefragt, ob ich denn beim Arzt schon fertig sei. Ich war so fertig mit den Nerven, dass ich nur noch nach dem Weg zum Klo fragen konnte, wo ich den angestauten Tränen dann kurz Luft machen musste.
Der Arzt hat schlussendlich nach einer kurzen Blutabnahme und einer ausführlichen Untersuchung zum Glück nichts Ernsten feststellen können und meinte, dass meine Symptome vor allem durch Stress und schlechten Schlaf zu erklären sei. Wie es bei den Thais so üblich ist hat er mir dann natürlich trotzdem noch fünf verschiedene Medikamente verschrieben, die mich, wenn ich sie genommen hätte, wahrscheinlich für eine Woche ins Koma verfrachtet hätten. Gerade als ich beruhigt wieder zurück in der Schule war, kam dann jedoch ein Migräne-Anfall. Daraufhin musste ich feststellen, dass meine Advisorin trotz all der Unterlagen und ärztlichen Atteste, die wir AFS geschickt haben, leider überhaupt keine Ahnung hat, was Migräne ist. Nach einer ewigen Diskussion konnte ich sie zumindest davon überzeugen, dass ich mich hinlegen möchte, und sie hat mich mit dem Motorradtaxi zu dem leeren Haus ihrer Freundin geschickt.
Als ich dort dann schließlich alleine im Wohnzimmer auf dem Boden lag und meine Medikamente noch nicht angeschlagen hatten, wollte ich einfach nur noch zu meiner Mama. Es war ein schlimmes Gefühl, so hilflos und alleine zu sein. Es ist lustig, weil in Deutschland haben mich immer alle gefragt, was ich denn in Thailand dann mit meiner Migräne machen würde und ich habe immer ganz selbstsicher geantwortet: "Ob ich hier im dunklen Zimmer im Bett liege oder in Thailand ist ja für meine Migräne kein großer Unterschied." Tja und spätestens jetzt weiß ich, wie groß dieser Unterschied doch ist. Schließlich habe ich Mama dann sogar trotz der enormen Telefonkosten angerufen und es hat sehr gut getan, wenigstens mit ihr reden zu können. Sie hat dann sogar angeboten, mit meiner Advisorin zu reden und sie ein bisschen über meine Krankheit aufzuklären. Das scheint allerdings nicht viel bewirkt zu haben, denn kurz darauf kam meine Advisorin und hat mich gefragt, ob ich denn jetzt zu dem großen Gala Dinner komme oder nicht. Ich musste ihr dann, schon fast wieder unter Tränen, erklären, dass ich doch einfach nur in mein Bett möchte. Sie hat mir daraufhin angeboten, dass ich ja dann gleich in dem Haus ihrer Freundin übernachten könnte. Ich musste also mit meinem dröhnenden Kopf tatsächlich eine halbe Stunde diskutieren, bis sie mich endlich nach Hause gebracht hat.
Daraufhin stellte sich heraus, dass meine Mutter noch gar nicht informiert war. Sie hat mir erstmal schön die Tür geöffnet und mich gefragt, ob mir das Abendessen Spaß gemacht hätte. Mir war dann aber sowieso schon alles egal und ich habe mich einfach nur noch auf mein Bett gefreut. Am nächsten Morgen haben sie mich dann auch schlafen lassen, bis nachmittags meine Mutter anrief und meinte, sie würde mich jetzt abholen und dann würden wir zu dem Fest ihrer Freundin fahren. Das Problem ist wirklich einfach, dass diese Menschen keine Migräne kennen. Ich musste also dann zig Mal zwischen meiner Mutter und meiner Advisorin hin und her telefonieren, um ihnen klar zu machen, dass ich jetzt erstmal nirgendwo hingehen würde. Irgendwann war ich dann wieder so verzweifelt, dass ich zu Skype gegangen bin und erstmal mit Mama und Papa, die zum Glück gerade zu Hause waren, reden musste. Daraufhin kam meine Mutter dann nach Hause und mit Hilfe von Papas Kommunikations-Tipps und meinen Augenringen konnte ich sie dann wiedermal davon überzeugen, mich einfach in Ruhe zu Hause zu lassen. Es ist einfach wirklich erstaunlich, wie die Thais aus einer Fliege einen Elefanten machen können, und wie sie sich vor allem sogar in ihrer eigenen Sprache so oft missverstehen und dann hundert Mal hin und her telefonieren müssen, um das nicht existierende, logistische Problem zu lösen.
Mittlerweile geht es mir aber zum Glück besser. Allerdings bin ich durch dieses Drama an einige Ecken gestoßen, die ich dringend nächste Woche einmal abzurunden versuchen muss. Ansonsten freue ich mich jetzt wieder auf mein dunkles, kühles Zimmer, meinen Eisbeutel auf der Stirn und vor allem auf meine Ruhe. Jedes Mal, wenn ich ins Bett gehe, denke ich mir: "So und jetzt kann keiner mehr etwas von mir wollen und ich muss an nichts denken und mich vor nichts in Acht nehmen und kann einfach nur noch schlafen..."