Chiangmai - Die Stadt der Tempel

Habe ich schon erwähnt, wie sehr ich das Meer liebe?! Gerade sitze ich im Sportpark am Meer, spüre den warmen, rauen Stein durch meine dünne Strickjacke hindurch, höre sentimentale, kitschige Musik und versuche, mich auf meinen Laptop und nicht auf den traumhaften Sonnenuntergang am Horizont zu konzentrieren. Der Abschied von meiner Gastfamilie hat die letzten Monate mit ihnen ziemlich in Frage gestellt, ich wohne bei meiner chaotischen Advisorin und am Sonntag werde ich wieder ganz von vorne beginnen müssen. Und hier sitze ich und all das scheint für die paar Stunden hier am Meer völlig unrelevant. Wieder einmal kommt mir der Spruch „Live for the moment“ in den Sinn. Ich will gerade einfach nur sein und mich an die drei wunderschönen Wochen in Chiang Mai im Norden Thailands zurückerinnern...

Vor fast einem Monat bin ich mit dem sogenannten „VIP Bus“, dessen größter Luxus für die Thais die enorme Klimaanlage ist, die mich bei 18 °C dazu gezwungen hat, mich mit drei Pullovern und meinem größten Schal frierend in meinem Sitz zusammenzurollen, über Nacht nach Chiang Mai gefahren. Ich war so aufgeregt und habe mich so befreit gefühlt, dass ich während der 15 Stunden kein Auge zu machen konnte.
Morgens wurde ich von Anti Pak, der Tante meines italienischen Freundes , abgeholt. Gabriele, jener Austauschschüler aus Italien, war schon in der Schule und ich habe den Tag in seinem Haus verbracht und Schlaf nachgeholt. Er wohnt zusammen mit seiner Gastmutter und ihren vier Schwestern inklusive Kinder etwas außerhalb der Stadt. Seine Mutter ist Künstlerin und Innenarchitektin und er hat sein eigenes kleines Haus neben der Villa seiner Gastfamilie. Außerdem zu Besuch war Federico, ebenfalls ein Austauschschüler aus Italien, der aufgrund der Flut für einen Monat aus Bangkok zu Gabriele gezogen war.
Nachmittags haben wir Gabriele von der Schule abgeholt und sind anschließend zu einer sogenannten „Night Safari“ in der Bergen Chiang Mais gefahren. Gabrieles beiden kleinen Cousins haben uns zwar fast mehr entertained als die Tour selber, aber es war trotzdem ein wunderschöner Abend – ein richtiger Familienausflug, den ich so mit meiner eigenen Gastfamilie nie wirklich hatte...
Am nächsten Tag ging es mit in die Schule. Es ist eine staatliche Schule direkt in der Stadt. Allerdings macht Gabriele dort das Englisch Programm, was heißt, dass er fast ausschließlich ausländische Lehrer hat und seine Freunde größtenteils gut englisch sprechen können.
Nach der Schule haben wir uns mit den anderen Austauschschülern in Chiang Mai getroffen. Außer Gabriele und Giorgio, einem anderen Italiener von AFS sind noch sieben Schüler mit der Organisation Rotary in Chiang Mai – Mina aus Frankreich, Sara aus den USA, Poncho und Andrea aus Mexico, Simone aus Canada, Lucie aus Hannover und Jean aus Taiwan.
Abends sind wir mit Gabrieles Familie in einem wunderschönen Restaurant essen gegangen. Die ganze Familie hat mich ganz herzlich aufgenommen und ich habe mich am Ende dort viel mehr zu Hause gefühlt, als in meiner Gastfamilie...
Die nächsten Tage haben wir meistens damit verbracht, nach der Schule einfach zu Fuß die Stadt zu erkunden. Ich habe nicht genau gezählt, aber ich wette, in Chiang Mai gibt es mehr als 20 wunderschöne Tempel, einfach mitten in der Stadt. Außerdem herrscht eine ganz andere Athmosphäre. Es gibt viele kleine Cafes und Buchläden und die Stadt erinnert manchmal fast ein bisschen an eine romantisches Städtchen in Italien. Eine so schöne Stadt zieht natürlich auch viele Touristen an. Anders als in Pattaya oder Bangkok findet man jedoch hauptsächlich junge Rucksacktouristen oder alte Ehepaare, die leicht hilflos mit den Tuk Tuk Fahrern diskutieren.
Es war also ein ganz neues Gefühl für mich, mit einem grünen Tee Milchshake und meinen neuen Birkenstock Schlappen einfach langsam durch die Straßen zu schlendern, die Stille im Inneren der Tempel zu genießen und in kleinen Straßenrestaurants stolz traditionelles Thai Essen auf Thai zu bestellen.
Und dazu kamen dann jeden Abend die tollen Abendessen mit der ganzen Familie – eine Familie, die nicht nur stolz war, einem ihre Stadt und ihre Kultur so gut wie möglich zu zeigen, sondern die vor allem auch unglaublich interessiert und neugierig mit gegenüber war. Und so wurde jeder „alltägliche, unbedeutende Tag“ dort für mich zu einem wundeschönen Erlebnis, das mir ganz viel Kraft und Liebe mitgegeben hat...